Zauber
des Papiers
Ein faszinierendes Gestaltungsmaterial
Wer
kann sich dem Zauber der weiten Mohnwiesen, die im Frühling die
Provence in zauberhaftes strahlendes Rot verwandeln, entziehen. Als
Schnittblume ist die Mohnblume nicht geeignet. Die fragile Zartheit
der zerknitterten Blüten, ihre Empfindlichkeit gegenüber menschlichem
Zugriff steht im Gegensatz zu ihrer intensiven Farbe, die volles Leben
symbolisiert. Die Mohnblume zeigt uns die Unzulänglichkeit unserer
Begriffe auf: Vielleicht sind Stärke und Schwäche keine Gegensätze.
Vielleicht sind es die Beweglichkeit, die Sensibilität, die Einfühlung,
die unsere Stärke ausmachen.
Für
Hildegard Mann spiegelt sich das Rot der Mohnblumen, die auch auf Schutthalden
und Brachflächen blühen, analog in ihren Papierbildern wider.
Die Magie ist in diesem Sinne für Hildegard Mann nach C.G. Jung
psychisch.
In
der Gestaltung der Oberfläche schafft sie nuancenreiche Farbräumlichkeiten.
Durch die Form- und Gestaltbarkeit des Papiers gelingt das Zusammenspiel
von der Tiefe des Reliefs und der Farbraumtiefe der monochromen Arbeiten.
Dadurch ergibt sich eine vibrierende, vom Betrachter körperlich
und psychisch wahrgenommene Präsenz eines Spannungsverhältnisses.Dabei
kommt ihr die Vielfalt, die Flexibilität, die Zartheit aber auch
die Festigkeit der Papierarten entgegen und regt sie immer wieder zu
neuen Formen und Strukturen an.
Dabei
werden die verwendeten Papiere - in der Regel Japanpapier - von der
Künstlerin selbst mit naturbelassenen Pigmenten eingefärbt.
Farbabweichungen, die sich bei der handwerklichen Bearbeitung und Einfärbung
des Faszinosums Papier ergeben, unterstreichen die Lebendigkeit von
Farbe und Material.Ihre Arbeiten sind meist starkfarbig, wobei vor allem
ein intensives Rot bevorzugt wird, aber auch ein leuchtendes, spannungsgeladenes
Blau, wie es Yves Klein in die Kunstwelt eingeführt hat. Dieser
außergewöhnlichen Tiefenwirkung der Farbe fügt sie Räumlichkeit
durch Falten, Drehen, Verzwirbeln, Reißen, Kleben der teilweise
befeuchteten Papierstreifen hinzu.
Die
ätherische Leichtigkeit des Papiers unterstreicht den Eindruck
des Flüchtigen, Bewegten, während die intensive Farbe eine
stark emotionale, psychische - magische - Wirkung entfaltet. Es entsteht
die oben angesprochene dynamische Spannung zwischen der Zartheit des
Materials Papier und der Intensität der Farbe. In jedem Fall verstärkt
die Farbe die energetisch aufgeladene, kraftvolle Strahlung des Papiers,
die darüber hinaus für Hildegard Mann der Ausdruck einer tief
empfundenen spirituellen Ruhe darstellt.
Diese
suggestive Wirkung ist bedingt durch die Monochromie und die Oberfläche
der Arbeiten. Indem sie die Konkurrenz verschiedener, aufeinander bezogener
Farben vermeidet, erreicht sie eine Klärung und Beruhigung der
Bildaussage. Die Monochromie gibt der gewählten Farbe eine Autonomie.
Die
Formen sind zum Teil organisch, erinnern an Blattadern, an Baumrinden,
an abstrahierte Landschaftselemente. Es ist natürlich nicht an
die Abbildung eines Naturvorbildes gedacht, sondern an dessen komprimierte
Verarbeitung. Oder es werden geometrische Strukturen gezeigt, deren
Regelmäßigkeit die subjektive Geste zurücktreten lässt.
In diesen Arbeiten offenbaren sich Einflüsse der Gruppe Zero, deren
konzeptuelle, oft geometrisierende Papierarbeiten die spirituellen Dimensionen
der Farbe Weiß ergründen, ebenso wie das Spiel mit Lichtbrechungen.
Licht und
Schatten sind in die Gestaltung der Oberflächenstruktur bewusst einbezogen.
So wird die Lichtwirkung - je nach Tageszeit, Beleuchtungsverhältnissen
und Betrachtungsstandpunkt - zu einem mitbestimmenden Faktor im Bild. Lange
Schatten, kurze Schatten, oszillierende, wellenartige Elemente - aus der
Wirkung des Lichtes ergibt sich eine Bewegtheit, die Mehrdeutigkeit zulässt
und dem Betrachter eine aktive Rolle in der Anschauung ermöglicht.
Im
Zusammenspiel von Farbe, Material des Papiers, Form und Licht werden
die Arbeiten als komplexe symbolische Aussagen wahrnehmbar: Das haptische
greifbar diesseitige Material des Papiers wird zur Metapher von Natur
und Leben, während Form und Farbe die darin wirkende spirituelle
Kraft verdeutlichen. Der Betrachter wird durch Lichteinfall und aktive
Anschauung in diesen schöpferischen Prozess eingebunden, so dass
er die Botschaft der Arbeiten gegenwärtig und sehr individuell
erleben kann.
Susanne Resch
Kunsthistorikerin M.A.